High Heels und das kleine russische R

Wie lebt es sich in einer "Zwei Kulturen - Ehe"? Wie sind die Russen? Wie sieht der Alltag aus und vieles mehr...

High Heels und das kleine russische R

Beitragvon detlevwalther (Detlev Cr.) » 1. November 2010, 10:14

...oder
Frauen aus dem Osten sind eben doch anders.


Auf den ersten Blick hat das nichts miteinander zu tun, aber eben nur auf den ersten Blick.

Das deutsche kleine P wird von Galina oft wie das russische kleine R geschrieben, mit einer deutlichen Verlängerung des senkrechten Strichs nach oben. Jede Sprache hat ihre Eigenheiten. Im Russischen wird das kleine deutsche L wie die Ziffer 1 geschrieben, die Franzosen und Italiener schreiben ziemlich verschnörkelt und die deutschen Buchstaben stehen stramm wie auf dem Kasernenhof, unsere ganzen Ober- und Unterstriche sind typisch Deutsch. Mit etwas Übung kann man an der Handschrift erkennen, aus welchem Land der Schreiber kommt.

Und nun zu den High Heels. Russische Frauen scheren sich wenig um ihre Gesundheit, wenn es um Schuhe und deren Absatzhöhe geht. Kürzlich noch hat mir Galina erklärt, dass für sie zu einem Stadtbummel auch ein Kleid oder Rock und hohe Hacken gehörten. Auch im Winter. Sonst bliebe sie lieber zu Hause. Und für den Gang zur Mülltonne schminkt man sich. Das mag aber auch daran liegen, dass in Russland die Mülltonnen oft mehrere 100 Meter vom Ort der Müllentstehung entfernt stehen. Der Weg dahin käme einem gemütlichen Bummel gleich, wenn am Wegrand nicht der Müll rum läge, der es nicht bis zu den Tonnen geschafft hat.

Allerdings - die deutschen Frauen holen auf. Ich war kürzlich mit Galina in einem Schuhgeschäft (wo auch sonst!) und hörte so im Vorbeigehen, wie eine deutsche Frau mittleren Alters in bester Ruhrpottsprache zu ihrer männlichen Begleitung sagte: Sach, watt de willst, et jibt keene elejante flache Schuhe, die sehen alle voll die Scheiße aus, woll? Na bitte!

Galina besucht den A1 Kurs bei Berlitz und sie gehört sicher zu den besseren Schülerinnen. Das Interesse am Unterrichtsstoff scheint bei der Mehrheit nicht besonders groß zu sein, Schularbeiten werden selten oder nie gemacht und das unterstützende Interesse der jeweiligen Familienmitglieder ist offenbar nahe Null. Außerdem ist Galina selber Lehrerin, entsprechend methodisch arbeitet sie. Und – Frauen aus dem Osten sind enorm ehrgeizig!

Seit einiger Zeit nun fiel mir auf, dass Galina abends nicht mehr so fröhlich wie sonst aus der Schule kam. Wenn ich als treusorgender Ehemann nachfragte, wie es denn so in der Schule gelaufen sei, bekam ich immer zur Antwort: Prima. Galina beschwert sich nie, ihr geht es immer prima. Nebenbei – sie ist die erste Frau in meinem Leben, der es immer prima geht, die sich nicht ständig beschwert.

Gestern nun hat sich das Rätsel gelöst: Galina wird strenger zensiert als die anderen Kursteilnehmer. Und damit bin ich beim kleinen russischen R, bei Galinas russischem R.

Test in der Schule: Grammatik, Wortsalat. Das heißt, aus einer sinnlosen Auflistung von Wörtern sollen sinnvolle Sätze gebildet werden. Und das, was Galina da schreibt, ist korrekt, grammatikalisch fehlerlos – bis auf das kleine deutsche P geschrieben wie ein kleines russisches R, mit dem deutlichen Strich nach oben. Deshalb wurden ihr mehrere Sätze als Fehler angestrichen - kein Punkt – Frustration – langes Gesicht. Und das nicht zum ersten Mal, solche Gelegenheiten gab es mehrfach in den letzten Wochen, wie ich nun erfuhr.

Der Stein des Anstoßes sind offenbar Galina hohe Absätze und ihre Angewohnheit, Kleider zu tragen, Jeans zu vermeiden, sich einfach chic zu machen, ohne dabei etwa überdreht zu wirken, aber eben anders. Das ging soweit, dass sie von der Kursleiterin (übrigens keine alte Matrone, sondern eine junge Frau von gut 30) darauf im Kurs vor allen Anderen angesprochen wurde: Ob denn die Schuhe nicht gesundheitsschädlich seien, ob Jeans nicht praktischer seien im Unterricht. Nachhilfe in Orthopädie als Nebenfach der Integration.

Neben Galina sitzt eine junge Türkin mit Kopftuch. So ein Kopftuch finde ich ziemlich unpraktisch, zumal im Sommer. Mal abgesehen von der Optik.

Wir haben das vor einigen Tagen besprochen. Wir sind uns einig, dass sie sich entscheiden müsse – entweder flache Absätze und Jeans, oder das deutsche kleine P ohne diese blöde russische Verlängerung nach oben.

Klar, keine Frage. Galina wird das kleine P korrekt deutsch schreiben, in Zukunft. Und weiterhin hohe Absätze und Kleider tragen. Sie ist schließlich Galina aus Perm!

Warum ich das schreibe? Unsere Frauen aus dem östlichen Ausland sind eben doch anders. Sie haben andere Gewohnheit, andere Vorlieben und damit fallen sie auf. Aber das bedeutet für uns Ehemänner auch mehr Hinsehen, mehr Mitfühlen, mehr Verständnis, häufiger Frustrationen vorbeugen, mehr Frustrationen beseitigen. Integration ist eben nicht nur Sache unserer Frauen, wir sind genau so gefordert.

Aber wir tun das ja gerne, denn:

Nichts ist schlimmer für einen Mann, als eine frustrierte Frau zu Hause.

Ein alter Grieche soll das gesagt haben, vor über 2000 Jahren. War ein kluger Mann, dieser Grieche. Hatte sicher eine frustrierte Frau zu Hause rumsitzen.
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Re: High Heels und das kleine russische R

Beitragvon analytiker (Volker Ka.) » 19. April 2011, 13:41

Na, diese Glosse hatte ja schon literarische Qualitäten...
Es ist eigentlich schade, dass hier insgesamt so wenig geschrieben wird, wenn ich da an alte Board-Zeiten denke. Ist vielleicht im binationalen Kontext betreffend Osteuropa schon das meiste gesagt worden?
Die alten Diskussionen über die russ. Mentalität bzw. das "besondere Wesen der Russin" sind auch keine mehr. Vermutlich hat es auch der Letzte kapiert, das Osteuropäerinnen auch "nur" normale Frauen sind und keine besonderen Fabelwesen aus einer anderen Welt. Manche Aspekte des Verhaltens mögen ja noch anders sein bei ihnen als bei den hiesigen Frauen, aber die Unterschiede sind eher marginal bzw. sie gleichen sich an. Die hier in dem Bericht von Detlef erwähnten Mentalitätsunterschiede sind m.E. nicht genetisch bedingt, sondern kultur- und erziehungsbedingt.
Auch ein anderes, hier sicherlich auch bekanntes Forum, dümpelt nun so vor sich hin, obwohl dort auch internationale Themen wie Fukushima und Libyienkrise angesprochen werden.
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Re: High Heels und das kleine russische R

Beitragvon detlevwalther (Detlev Cr.) » 20. April 2011, 10:55

Dümpeln vor sich hin, das ist die exakte Beschreibung. Auch zu Libyen und Tsunami ist nun bald alles gesagt. Das ist nicht anders, als in den Tageszeitungen. Libyen und Tsunami werden jetzt von der royalen Hochzeit verdrängt. Der Leserkreis ist mit Sicherheit größer.

Auf genetische Unterschiede wäre ich nie gekommen, würde ich auch nie unterstellen. Aber kulturelle und mentale Unterschiede gibt es sicherlich. Wenn bei uns eine offene Flasche Wein rum steht, liest meine Frau automatisch den Pegel ab, wenn ich mit der Flasche alleine war. Mindestens das Verhalten stammt aus dem russischen Erfahrungsschatz.

Eine Erfahrung hatte ich gestern und das war nicht die erste dieser Art. Situation - Flugzeug im Landeanflug in Europa. Einige hundert Meter über dem Boden zückt ein paar Reihen hinter mir ein Russe das Handy und telefoniert mit halb Russland, aber so, dass es rund 150 Passagiere mitbekamen. Vom Personal konnte keiner eingreifen, denn die waren schon angeschnallt. Er durfte dann etwas länger sitzen bleiben und die Grüne Minna abwarten. Vermutlich hat er die Nacht in beengten Verhältnissen verbracht.
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Re: High Heels und das kleine russische R

Beitragvon thomknatterton (Thommy De.) » 27. September 2011, 11:44

Ich bin letzte Woche von einem Familienbesuch bei meiner Frau in Jekaterinburg zurück gekommen. Fazit nach 2 Wochen "High Heels":

Worin besteht der Unterschied zwischen Russland und Europa?

In Russland sind die Frauen elegant, in Europa nur noch die Autos!!!!!!!!!!!
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